Gedanken zur Selbsthilfe

Auf einer Internetseite, auf der es um das Thema Selbsthilfe geht, sollten auch einige Gedanken zur Selbsthilfe zu lesen sein. Diese sind nun wie folgt zusammengefasst:

Selbsthilfe als Zieldefinition. Was erwarten Sie von Selbsthilfe? Vielleicht haben Sie momentan etwas Zeit übrig und möchten sich zu dieser Frage einige Gedanken machen. Dann nehmen Sie einen Stift und notieren Sie sich welche Erwartungen Sie an Selbsthilfe oder eine Selbsthilfegruppe haben. Vielleicht auch, welche Wünsche Sie auf diese Internetseite geführt haben.

Bedenken Sie bei der Notierung Ihrer Ziele, dass es wesentlich einfacher ist ein möglichst konkret beschriebenes Ziel zu erreichen. Den Wunsch mehr über Ihre Erkrankung zu erfahren äußern viele Patienten. Vielleicht können Sie auch noch angeben, welche Informationen Sie sich konkret erhoffen. Z.B. ob Sie mehr über die Ursachen, oder mehr über die Behandlung der Erkrankung erfahren möchten. Dies verhindert später z.B. dass Sie in einer Informationsflut ertrinken.

Überprüfen Sie bitte auch, ob Ihre Ziele realistisch sind. Eine Erkrankung nicht mehr haben zu wollen ist zwar ein Ziel, jedoch von vornherein zum scheitern verurteilt. Vielleicht finden Sie eine Möglichkeit ein unrealistisches Ziel so umzuformulieren, dass Sie es doch erreichen können.

Eine weitere Überlegung können sie anstellen, wenn es um den Zeitpunkt der Zielerreichung geht. Manche Ziele, wie z.B. Gewichtsreduktion sind sicherlich langfristige Ziele. Wenn Sie sich dies bewußt machen verhindern Sie, dass Sie enttäuscht sind, wenn nicht sofort ein Erfolgserlebnis eintritt. Das Ziel einen neuen Arzttermin auszumachen kann hingegen meist recht kurzfristig erreicht werden. Und kurz nach der Erledigung macht sich dann auch schon das Gefühl der Zufriedenheit breit.
Mit den zeitlichen Überlegungen einher geht auch die Frage nach der Priorität von Zielen. Die Liste auf der Sie sich Ihre konkreten Ziele notiert haben, kann von Ihnen nun nochmals überarbeitet werden. Die Ziele, welche für Ihre persönliche Krankheitsbewältigung die höchste Priorität besitzen, sollten auf der Liste ganz oben stehen und mit vollem Engagement verfolgt werden.

Um Ihre Ziele zu realisieren können Sie sich überlegen, was Ihnen helfen kann, die Ziele zu erreichen, und welche Barrieren es zu überwinden gilt. Dazu eine kleine Geschichte:

Selbsthilfe als Salutogenese. Aaron Antonovsky war ein medizinischer Soziologe jüdischer Abstammung, der 1923 in Brooklyn geboren wurde, 1960 nach Israel emigrierte und am Institut für Angewandte Sozialforschung in Jerusalem tätig wurde. In den folgenden Jahren unterrichtete er in der Abteilung für Sozialmedizin und arbeitete an verschiedenen Forschungsprojekten zum Zusammenhang von Stress und Gesundheit bzw. Krankheit.
Wegweisend für Antonovskys Forschungstätigkeiten waren die Ergebnisse einer Untersuchung an israelischen Frauen verschiedener ethnischer Abstammung, die sich mit den Auswirkungen der Wechseljahre beschäftigte. Die untersuchten Frauen waren zwischen 1914 und 1923 in Europa geboren worden und demzufolge hatte sich ein Teil von Ihnen auch in einem Konzentrationslager aufgehalten. Für Antonovsky war es nicht erstaunlich, dass die Gruppe der ehemals inhaftierten Frauen im Mittel höhere emotionale und körperliche Belastungen angab als die Vergleichsgruppe, sondern vielmehr die Tatsache, dass sich immerhin 29% dieser Frauen (gegenüber 51% der Vergleichsgruppe) trotz dieser schrecklichen Erlebnisse einer guten psychischen und physischen Gesundheit erfreuten. Diese Frauen hatten es also geschafft, trotz extrem belastender Lebenserfahrungen gesund zu bleiben.
Antonovsky war von diesem Ergebnis so beeindruckt, dass er eine neue Philosophie bzw. Herangehensweise an gesundheitsbezogene Fagestellungen entwickelte. In Ergänzung zu dem bislang vorherrschenden Ansatz zu klären, wie Krankheiten zustande kommen (="Pathogenese"), stand im Mittelpunkt seiner Überlegungen die Frage, warum Menschen trotz der vielfältigen allgegenwärtigen inneren und äußeren Belastungsfaktoren in der Regel erstaunlich gesund bleiben. Diese Frage versucht er in seinem Modell der "Salutogenese" zu beantworten.

Vor allem Patienten, die es geschafft haben nach Ihrer Schilddrüsenerkrankung wieder eine gute Lebensqualität zu erreichen, können also in der Selbsthilfe eine wichtige Vorbildfunktion erfüllen. Die Ziele, die Sie erreichen möchten, wurden von anderen bereits erreicht. Diese Menschen können Ihnen auf Ihrem Weg sicherlich entscheidende Hinweise geben. Ob Sie diesen Hinweisen folgen möchten oder nicht, entscheiden jedoch Sie persönlich.

Selbsthilfe als Selbstmanagement. Alle Schilddrüsenerkrankungen beeinträchtigen die Lebensqualität ganz beträchtlich. Doch gerade bei Schilddrüsenerkrankungen besteht auf lange Sicht die Chance, dass Sie Ihre Lebensqualität wieder deutlich verbessern können. Dass Sie wieder wie gewohnt am sozialen Leben teilhaben können und die körperlichen Beeinträchtigungen auf ein Minimum reduziert werden oder sogar völlig verschwinden.
Ein ganz entscheidender Faktor bei der Gesundung sind Sie selbst. Sie selbst entscheiden, welcher Therapiestrategie Sie den Vorzug geben möchten. Wen soll ein Chirurg operieren, wenn niemand auf dem Operationstisch liegt?
Wenn Sie momentan dabei sind eine wichtige Entscheidung zu treffen oder eine Lösung zu suchen, dann hat sich eine systematische Vorgehensweise als effizient erwiesen, bei der Sie die Entscheidung tragen. Denn nicht nur der Kopf, auch der Bauch muß "JA" sagen.

1. Beschreibung des Problems
Im ersten Schritt wird das Problem möglichst genau definiert: die Entstehung, die angestrebten Ziele, die im Wege stehenden Hindernisse, die möglichen Hindernisse, die mögliche Hilfestellung durch die Umwelt und die sich ergebenden Folgen des Problems. Wenn das eigentliche Problem noch nicht klar erkennbar ist, hilft eine Beobachtungsphase.

2. Erarbeiten von Lösungsmöglichkeiten
Zunächst werden möglichst viele Handlungsmöglichkeiten gesammelt, ohne die Menge der Lösungen durch vorzeitige Kritik zu reduzieren. Fragen Sie andere Betroffene, welche Lösungsmöglichkeiten es gibt. Ihren Arzt sollten Sie unbedingt nach alternativen Lösungsmöglichkeiten fragen. Und Freunde und Bekannte haben sicherlich auch noch einige Ideen.

3. Bewertung und Auswahl einer Lösung
Für die Bewertung einer Lösungsmöglichkeit sind sicherlich die Erfahrungsberichte anderer Betroffener hilfreich. Die Bewertung geschieht durch Überprüfung der Konsequenzen. Interessant sind hier kurz- und langfristige Folgen für einen selbst und für andere Beteiligte. Diese Vor- und Nachteile werden dann bewertet und die ungeeigneten Vorschläge aussortiert. Eventuell ist es für Sie hilfreich eine Tabelle nach folgendem Muster anzufertigen:

Lösung Vorteile Nachteile Summe
Radiojod-
therapie
keine Narbe +++
usw.
eingesperrt sein -
usw.
++
Operation keine Strahlenbelastung +
usw.
Narbe ---
usw.
--
       

4. Handlungsplan
Im vierten Schritt wird die gewählte Lösung weiter ausgearbeitet. Ein konkreter Handlungsplan wird entwickelt. Dabei werden zeit, Ort, Methode und systematisches, schrittweises Vorgehen festgelegt. Bitte ziehen Sie in den Handlungsplan auch Ihren behandelnden Arzt mit ein. Er kann Ihnen bereits einige Arbeit abnehmen, indem er Kontakte mit Krankenhäusern herstellt oder z.B. Vorschläge zur Tabletteneinnahme gibt. Wenn Sie Ihren Arzt bei diesem Schritt übergehen, müssen Sie damit rechnen, dass er Ihnen bei der Umsetzung einen Strich durch die Rechnung macht und z.B. ein zur Umsetzung des Handlungsplanes notwendiges Rezept nicht ausstellt.

5. Umsetung
Die beste und am ehesten Erfolg versprechende Lösung wird umgesetzt.

6. Überprüfung des Erfolgs
Im sechsten Schritt wird nach einiger Zeit überprüft, ob sich die Lösung in der Praxis bewährt hat. Verschlechtert sich z.B. Ihr Allgemeinbefinden nach eine Erhöhung der Schilddrüsenhormondosis, so kann dies nicht der richtige Schritt gewesen sein. Doch der Lösungsversuch war nicht umsonst. Denn immerhin haben Sie nun ganz direkt erfahren, dass dieser Weg nicht der richtige war. Natürlich ist eine Operation nicht wieder rückgängig zu machen, wie einen Änderung der Medikamentendosis. Doch auch hier zeigt Ihnen die Überprüfung des Erfolgs an, ob Sie die richtige Lösung erwischt haben.
Werden keine befriedigenden Ergebnisse erzielt, beginnt man wieder bei einem früheren Schritt, z.B. bei der Auswahl der nächsten Lösung in der Lösungshierarchie. Oder bei der Analyse des Mißerfolgs und evtl. sogar bei einer Neudefinition des Problems.

Mit dieser systematischen Vorgehensweise haben Sie ein Instrument in der Hand das Sie für Ihren Arzt zu einem kompetenten Partner bei der Lösungssuche macht.

Selbsthilfe in Selbsthilfegruppen.
Verständnis finden, da andere Gruppenmitglieder ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Isolation und Heimlichkeiten durchbrechen.
Selbstwertgefühl durch regelmäßiges "Arbeiten an sich selbst" stärken.
Selbstbestimmung, da in der Gruppe jeder für sich selbst verantwortlich ist.
Neues Verhalten lernen.
Wahrheitsfindung, da Ausflüchte und Lügen auf Dauer nicht hilfreich sind.

Was ist eine Selbsthilfegruppe?
Selbsthilfegruppen dienen Menschen, die ähnliche Probleme, Krankheiten oder Behinderungen haben. Sie tauschen ihre Erfahrungen aus und stärken sich gegenseitig bei der Bewältigung schwieriger Lebenssituationen.

Wie oft treffen sich die Mitglieder von Selbsthilfegruppen?
Es gibt Gruppen, die sich wöchentlich, vierzehntägig oder auch nur monatlich treffen, jeweils abhängig vom Problemfeld, aber auch von den Wünschen der Gruppenmitglieder. Weiterhin gibt es auch Gruppen, die sich sporadisch treffen, entsprechend der Bedürfnisse der Mitglieder. Ein Treffen dauert in der Regel zwischen eineinhalb und zwei Stunden, aber auch hier gibt es keine vorgeschriebene Regel.

Was kostet die Teilnahme in einer Selbsthilfegruppe?
Die Teilnahme in den Selbsthilfegruppen ist generell kostenlos.

Was geschieht bei den Treffen der Selbsthilfegruppenmitglieder?
Es gibt keine festgeschriebenen Vorgaben, wie das Treffen einer Selbsthilfegruppe durchzuführen ist. Die Gruppen gestalten ihre Zusammenkünfte selbst, in eigener Verantwortung und entsprechend ihrer getroffenen Vereinbarungen.

Welche Verpflichtungen ergeben sich durch die Teilnahme in einer Selbsthilfegruppe?
Eine Verantwortung hat jeder nur sich selbst und den anderen Gruppenmitgliedern gegenüber, entsprechend der Vereinbarungen (wie zum Beispiel: Abmelden bei Nichterscheinen, Benachrichtigung bei geplantem Austritt, eventuelle Arbeitsteilung in der Gruppe).

Werden die Selbsthilfegruppen von Ärzten, Therapeuten oder anderen Fachkräften geleitet?
Im Normalfall werden die Selbsthilfegruppen nicht von Ärzten, Therapeuten und Professionellen geleitet. Fachleute werden gelegentlich in einigen Gruppen als Referenten für Vorträge gewonnen. Nach dem Selbsthilfeprinzip wird eine Selbsthilfegruppe von Betroffenen eigenständig organisiert. Es findet keine ärztliche oder therapeutische Versorgung in der Selbsthilfegruppe statt, so dass eine Mitarbeit in der Gruppe Therapie oder ärztliche Behandlung nicht ersetzen kann. Einer Selbsthilfegruppe ist es möglich, eine Therapie oder einen Krankheitsverlauf allenfalls unterstützend zu begleiten und Anregungen zur Bewältigung des Problems zu geben.

Wieviel TeilnehmerInnen hat eine Selbsthilfegruppe?
Die Gruppenstärke ist variabel. Einige Gruppen sind aber aufgrund der Vielzahl ihrer Mitglieder für begrenzte Zeit geschlossene Gruppen und damit nicht für Neueinsteiger geeignet. In der Regel liegt die Gruppenstärke zwischen fünf und zwanzig Mitgliedern.

Werden meine Teilnahme und meine Beiträge vertraulich behandelt?
Was in den Selbsthilfegruppen besprochen wird, bleibt in der Gruppe und wird vertraulich behandelt. Dies gilt natürlich auch für die MitarbeiterInnen der einzelnen Kontaktstellen, die der Schweigepflicht unterliegen. Aus diesem Grund wird auch die Teilnahme einzelner Gruppenmitglieder nicht an Aussenstehende weitergegeben. Es existieren keine offiziellen Teilnehmerlisten.

Was ist zu tun, wenn es für meine Probleme keine Gruppe am Wohnort gibt?
Der Gründung einer neuen Selbsthilfegruppe steht nichts im Wege. Unterstützung erhalten Sie in der jeweiligen Informations- und Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen. Dort kann man nach anderen regionalen und überregionalen Möglichkeiten bezüglich Ihres Anliegens Auskunft geben.

Wo treffen sich die Mitglieder von Selbsthilfegruppen?
Die Zusammenkünfte finden in neutraler Umgebung statt. In vielen Orten werden durch die Kontaktstellen kostenlos Gruppenräume für die Treffen zur Verfügung gestellt.

Selbsthilfe als Belastung. Selbsthilfe kann auch zur Belastung werden. Vor allem dann, wenn bei der Selbsthilfe die Hilfe für Andere im Vordergrund steht. Nicht selten kommt es in der Selbsthilfebewegung vor, dass hilfesuchende Patienten ausgenützt werden. Für ein scheinbar heheres Ziel (z.B. für andere da zu sein) wird Ihre Arbeitskraft ausgenutzt. Da man schließlich nicht als "Egoist" abgestempelt werden möchte und auch gerne dazugehören möchte, kommt ein enormer Gruppendruck zustande. Leider treten die eigenen Ziele dann in den Hintergrund und man ist in der Lösungssuche keinen Schritt weiter.

Dann allerdings haben Sie die Möglichkeit, diese Informationsseite noch einmal von vorne zu lesen!

P.S.: Wer Schreibfehler findet, darf sie behalten!